«Let the sun shine in your heart»
Was die Musikwissenschaft mit der Love Parade zu tun hat oder Von der
diskursiven Konstruktion des Musikalischen
Peter Wicke
(Berlin)
Die Frage, was die Musikwissenschaft mit der Berliner Love Parade 1
zu tun hat, läßt sich kurz und bündig beantworten - nichts.
Was diese Antwort so prekär macht, ist der Umstand, daß sie
noch nicht einmal einen Anflug von Verwunderung oder gar Betroffenheit
auslöst. Wenn in der Öffentlichkeit mit Vehemenz über die
kulturellen Wirkungen von Musik gestritten wird und anhand der jüngsten
Hervorbringungen des zeitgenössischen Musikbetriebs nach dem Zusammenhang
von Klang und Sinn, Musik und Macht gefragt wird, dann ist das sichtlich
für die mit der Musik beschäftigte Wissenschaft noch lange kein
Thema. Musikfachleute, an denen das gigantische Großereignis der
Raver-Szene durch schlichte Unkenntnis vorbeigegangen ist, sehen in dieser
Tatsache - wenn sie denn darin überhaupt etwas sehen - allenfalls
eine beruhigende Bestätigung der Immunität des Fachs gegen jeglichen,
vom Zeitgeist genährten Opportunismus. Schließlich ist mit
einigem Recht zu konstatieren, daß das, was ohnehin stattfindet,
wohl kaum der akademischen Weihe bedarf oder gar, wie das überlieferte
Erbe der Klassik, gegen die Widrigkeiten der Zeitläufe verteidigt
werden muß.
Doch mit ebenso großem Recht ist demgegenüber die Frage
aufzuwerfen, was der Anspruch auf eine »Wissenschaft« von
der Musik noch taugt, wenn diese zu einem großen Teil der musikkulturellen
Entwicklungsprozesse, von denen sie umgeben ist, nichts zu sagen weiß.
Sicher wäre es ein einigermaßen skuriles Unterfangen, mit
dem analytischen und theoretischen Instrumentarium von Musikwissenschaft
den Ravern ihre Kultur erklären zu wollen. Doch die Tatsache, daß
die Musik in den kulturellen Zusammenhängen außerhalb der
Mauern von Universitätsinstituten eine derartige Präsenz erhalten
hat, daß ein Ereignis wie die Love Parade ein auf etwa eineinhalb
Millionen geschätztes Publikum im Wortsinn auf die Beine bringt
und anhaltende Diskussionen in den Medien über den Stellenwert
von Musik in der heutigen Gesellschaft auslöst, sollte für
die Musikforschung eigentlich hinreichender Anlaß zu substantiellen
Fragestellungen, ihren Gegenstand betreffend, sein. Doch wenn die postmoderne
»Spaß-Gesellschaft« den kollektiven Narzismus in einem
gigantischen Musikfestival zur Schau stellt und dabei Einblicke in das
Innerste ihrer Musikkultur gewährt, die nämlich seit langem
schon zu einem heiß umkämpften Terrain für die subtilen,
immer wirksameren Formen der kultureller Machtausübung in Gesellschaft
einerseits und den teils verbissenen, teils lustvollen Formen des Widerstands
dagegen andererseits geworden ist, dann steht das Fach mit seiner geballten
Kompetenz einer hilflosen Öffentlichkeit nicht etwa zur Seite,
sondern es steht in sicherer Distanz beiseite - allenfalls bereit, aus
gebührend historischem Abstand den Überlebenden des immer
lauter werdenden Getümmels auf den Schlachtfeldern der musikalischen
Alltagskultur nachträglich dann das Adelsprädikat »Tonkunst«
anzuhängen und unter Umständen einen Platz wenigstens in den
Kellergewölben der Musentempel einzuräumen. Gibt es in Zeiten
wie diesen wirklich nichts Wichtigeres, als beflissen der Funktion des
geschichtlichen Platzanweisers nachzukommen?
Ein beliebtes Argument, das in diesem Zusammenhang in der Regel umgehend
ins Feld geführt wird, besteht in der Forderung, doch zunächst
erst einmal den Nachweis beizubringen, daß es sich bei den in
Rede stehenden Musikformen überhaupt um einen kunsthaften und somit
musikwissenschaftlichen Gegenstand handelt, denn schließlich hat
die Veranstaltung jeglicher Kunstwissenschaft der Sache nach unausweichlich
etwas mit ästhetischen und künstlerischen Werten zu tun. Dem
ist zwar nicht zu widersprechen, jedoch mit der Frage zu begegnen, um
wessen Werte es sich denn dabei handeln soll und mit welcher Berechtigung
diejenigen von nicht eben kleinen Gruppen in Gesellschaft so umstandslos
ausgeschlossen sind.2 Es macht
nicht unbedingt einen vom Geist der Aufklärung, der Toleranz oder
gar Solidarität getragenen Eindruck, wenn um das kulturelle Wertgefüge
eines kleinen Teils der europäischen (oder europäisch geprägten)
Mittelschichten, in denen der amerikanische Musikologe Joseph Kerman
das dominante Wertgefüge der Musikwissenschaft nicht ganz unzutreffend
verortet sieht,3 eine Bastion
errichtet und gegen den überwiegenden »Rest« von Musikpraktiken
und Musikkulturen mit Militanz verteidigt wird. Vor allem aber ist längst
der Punkt erreicht, wo gefragt werden muß, welchen Sinn es denn
wohl hat, solche Bastionen theoretisch weiter hochzurüsten, wenn
sie doch als solche öffentlich kaum noch jemand wahrnimmt. Schließlich
laufen die in der Öffentlichkeit geführten Diskussionen um
Musik und Musikkultur, um das Verhältnis von kommerziellen und
ästhetischen Prozessen, um den Zusammenhang von Musik- und Gesellschaftspraxis,
Macht und Klang, Klang und Bedeutung doch in einer so großen Entfernung
von diesen Bastionen ab, daß es beinahe schon gleichgültig
geworden scheint, was die mit der Sache der Musik wissenschaftlich Befaßten
dort eigentlich treiben.
Wenn man im Abriß von Mauern nicht nur eine Kapitulation vor
dem Zeitgeist sieht, dann ließe sich auch aus der Demontage der
geistigen Mauern um die Bastionen der musikalischen Hochkultur durchaus
Gewinn ziehen. Es muß nicht akademischer Voyeurismus oder ein
wertneutraler und kritikloser Populismus sein, wenn ernsthaft der Frage
nachgegangen wird, was etwa den Techno-Jüngern die übereinandergeschichteten
Rhythmuspatterns, die sequenzergenerierten Loops und die den Körper
durchdringenden Vibrationen der pumpenden Lautsprecherboxen in ihren
Ohren zu Musik werden läßt. Was sind die Transformationsregeln,
nach denen hier die Ordnung der Klänge in das kulturelle Differenzgefüge
einer symbolischen Ordnung übersetzt wird, in der sie Sinn, ästhetische
Wertigkeit und eine kulturelle Bedeutung erhalten, die in ihrer Ambivalenz
zwischen dem narzistisch gewordenen Anspruch auf individuelle Selbstbehauptung
und der kulturellen Produktion von Subjektivität in Form systemkonformer
»Wohlfühl-Apparate« für das Funktionieren der postindustriellen
Wohlstandsgesellschaft offenkundig ein immenses Maß an Relevanz
besitzt? Aus der Beantwortung solcher und ähnlicher Fragen sind
durchaus erhellende Einsichten in die inneren Zusammenhänge von
Musikpraxis insgesamt zu gewinnen, die den Blick für die Existenzbedingungen
von Musik in anderen historischen Epochen, in anderen sozialen Kontexten
sowie für andere kulturelle Prämissen der Organisation des
Umgangs mit Klang als Musik zu schärfen vermögen.
Der damit angerissene Problemkontext ist im vorliegenden Rahmen weder
weiterzuverfolgen noch etwa auszuschreiten.4
Doch ein hierfür in besonderer Weise symptomatischer Aspekt sei
herausgegriffen und etwas genauerer Betrachtung unterzogen. Die Konfrontation
mit Erscheinungsformen von musikalischer Praxis wie der Techno-Kultur
läßt nämlich mit einer kaum zu übersehenden Deutlichkeit
hervortreten, in welchem Maße musikalische Erfahrungen und ästhetische
Wertmuster durch die in Gesellschaft organisierten Diskurse um und über
Musik strukturiert sind. Mehr noch: Es offenbart, daß das Musikalische
selbst in hohem Grad diskursiv konstituiert ist, auf einen Begriff von
Musik bezogen und von diesem in einer Weise abhängig ist, die weit
über dessen rein deskriptive Seite hinausgeht. Eines der zentralen
Instrumentarien - und das ganz gewiß nicht nur in den popmusikalischen
Zusammenhängen -, die Klangereignisse als Musik wahrnehmbar, in
einen sinnbesetzten Zusammenhang einordenbar und auf diesem Hintergrund
ästhetisch bewertbar machen, sind die als Bestandteil von Musikpraxis
in Sprache organisierten Diskurse. Sie besitzen als begriffliche Aussagesysteme
nicht nur ein relatives Eigenleben, sondern indem sie an der Hervorbringung
dessen beteiligt sind, was sie vorgeben nur zu beschreiben, zudem eine
konstitutive Kraft, die durch ihre Wirkungsspezifik gemeinhin dem kritischen
Blick entzogen bleibt.
Dem französischen Historiker Michel Foucault ist die Einsicht
zu verdanken, daß die Art und Weise, in der Sachverhalte gleich
welcher Art benannt, in Begriffe gefaßt und zur Grundlage von
Aussagen gemacht werden, dieselben insofern auch konstituiert, als Sprache
Sachverhalte niemals neutral, sondern stets in einer verhaltens- und
praxisrelevanten Projektion repräsentiert. Es ist ein je bestimmtes
Regime des Wissens, der darauf aufbauenden Logik des Aussagens und der
Benennung, das sich in Abhängigkeit von der Macht zur Definition
und ihrer jeweiligen Verteilung in Gesellschaft, des Verhältnisses
der Sprecher zueinander und der zwischen ihnen organisierten Kompetenzverteilung
als Diskurs über »die Ordnung der Dinge« legt, diese
als eine Ordnung entlang jeweils durchgesetzter Interessenkonstellationen
produziert und damit die Dinge aus ihrem differenzlosen »So-Sein«
in das »Da-Sein« eines geordneten Systems von Unterschieden,
Ausschließungen, Abgrenzungen, Bezügen und Zusammenhängen
überführt.5
Obzwar üblicherweise nicht auf diese Begrifflichkeit bezogen,
so betreibt auch Musikwissenschaft weitgehend das Geschäft der
Produktion eines Diskurses - und zwar gleich in doppelter Hinsicht.
Zum einen ist sie dem diskursiven System der Geisteswissenschaften und
den hierin geltenden theoretischen Paradigmen angeschlossen; zum anderen,
und häufig hiervon gar nicht zu trennen, liefert sie mit dem Musikbegriff,
den sie verwaltet, und hierauf gegründeter, in sich mehr oder weniger
kohärenter Aussagesysteme - wie etwa Musiktheorie und Musikästhetik
oder die narrativen Konstruktionen von Musikgeschichte - die Grundlagen
eines Diskurses, der diejenige Musikpraxis konstituiert, über die
er stattfindet. Mögen sich Musikwissenschaftler auch für die
einzigen halten, die hierzu legitimiert sind, die sie umgebende Gesellschaft
hat die Definitionsmacht jedoch längst umverteilt, vervielfacht,
technischen, kommerziellen, politischen und kulturellen Instanzen zuerkannt,
die inzwischen eine Vielzahl miteinander konkurrierender musikalischer
Diskurse hervorgebracht haben. Das betrifft nicht nur die relativ leicht
faßbaren Aspekte auf der Oberfläche des Musikbegriffs, die
darin verankerten Vorstellungen von musikalischer Kompetenz etwa oder
die jeweils gültigen Paradigmen für »Musikalität«
und für den Status des Musikers. Entscheidender noch, weil einige
Ebenen tiefer liegend, sind die Begriffe, die sich die Angehörigen
einer Kultur zum Beispiel von der Logik wahrnehmbarer Unterschiede machen,
denn diese wird nach einem bestimmten Modus vermittels der Konstruktion
musikalischer Diskurse auch auf vorgefundenes oder eigens hervorgebrachtes
klangliches Material übertragen und so zu einer Grundlage des Musizierens.
Die dichothomische Konstruktion von Unterscheidungen, die in polaren
begrifflichen Gegensatzpaaren (»hoch-tief«, »laut-leise«,
»schnell-langsam« etc.) abgebildet und durch Analogiebildung,
Metonymie oder Metaphorik zur Grundlage entsprechender Systeme der klanglichen
Ordnung gemacht werden können, sind nicht die einzig möglichen,
wie die Auseinandersetzung mit außereuropäischen Kulturen
inzwischen zutage gefördert hat.6
Doch selbst wenn solche binär konstruierten Unterscheidungslogiken,
wie innerhalb der europäischen Kulturen, vorauszusetzen sind, ist
weder deren Übersetzung in ein System klanglicher Ordnungen noch
deren relative Hierarchisierung von irgendeiner Zwangsläufgigkeit.
Daß die mit dem Begriffspaar »hoch-tief« abbildbaren
Unterschiede (Tonhöhe) in den hierzulande vertrauten Formen des
Musizierens vor denen rangieren, die sich in dem Begriffspaar »laut-leise«
fassen lassen (Lautstärke), ist weder ein Naturgesetz noch per
se einem Unterscheidungsprinzip überlegen, das sich beispielsweise
in einem Begriffspaar wie »groovig-spacig« (Klangeigenschaft
von Techno-Musik) abbildet. Vielmehr steht die Frage, inwieweit die
kategorialen Konstruktionen musikalischer Sachverhalte selbst auf dieser
elementaren Ebene ein Eigenleben führen und durch ihre normative
Wirkung zur Grundlage von Wahrnehmungsstrategien werden, die ihrerseits
dann das Musizieren prägen.
Insbesondere auf dem Feld der kommerziellen Musikproduktion, wo sich
mit erfolgreich durchgesetzten diskursiven Konstruktionen des Musikalischen
Machtzuwachs auf Märkten und unmittelbare Effekte in Form merkantiler
Gratifikationen verbinden, kommt es bereits im Vorfeld des Musizierens
in der Auseinandersetzung zwischen Musikindustrie, Musikern und Publikum
(um nur die wichtigsten Faktoren zu benennen) zu einem permanenten Umbau
musikalischer Diskurse, in die das Musizieren eingebettet ist. Ablesbar
ist das nicht zuletzt an der hier zu beobachtenden Proliferation von
Ordungsbegriffen, die mit herkömmlichen Genre- oder Stilkategorien
des Musizierens nichts zu tun haben. Breakbeat, Jungle, Gabber, Goa,
Drum&Bass, Ambient, House - um bei der Begriffswelt des Techno zu
bleiben - sind diskursive Instrumente der Markierung von Differenz.7 Sie ziehen Grenzen entlang realer Unterschiede
in den kulturellen und musikalischen Praxisformen, ohne diese jedoch
zu fixieren oder auch nur fixieren zu wollen. Sie fungieren vielmehr
als eine Art Platzhalter in einem Relationsgefüge von Positionen,
in dem sie so lange behauptet und mit einer für Außenstehende
oft völlig unverständlichen Vehemenz verteidigt werden, wie
sich in den kulturellen Machtverhältnissen auf den Musikmärkten
damit strategische Positionsgewinne erzielen lassen. Die Praxis des
Musizierens dahinter mag sich inzwischen längst gravierend verändert
haben.8 Eben deshalb lassen
sich diese Kategorien abgelöst von ihrer diskursiven Funktion auch
nicht fassen. Sie verbinden sich mit wechselnden Koordinaten und veränderlichen
Inhalten, die allein durch die Funktion bestimmt sind, in dem Korrelationsgeflecht
des Musikmarktes kulturelles Terrain abzustecken. Das kann sich mit
spiel- oder klangtechnischen Unterschieden decken und an ihnen festgemacht
sein (z.B. Gabber als eine besonders harte und überaus schnelle
Variante des Techno), das kann vorhandene Unterschiede in einer anderen
begrifflichen Fassung nur neu repräsentieren (z.B. die Ersetzung
der Begriffe Tekkno oder Tekkkno durch den Begriff Gabber) oder solche
auch hervorbringen (die Abspaltung von Drum&Bass aus dem, was bis
Mitte der neunziger Jahre unterschiedslos als Jungle gefaßt war).
Wichtiger noch als solche mit Begriffen in der musikalische Landschaft
verankerten Grenzziehungen sind die diskursiv produzierten Struktureffekte
innerhalb der Organisation von Musikpraxis. Sie setzen die Beteiligten
eines Diskurses in ein bestimmtes Verhältnis zueinander, weisen
ihnen innerhalb eines kategorialen Bezugssystems jeweils eine bestimmte
Position zu, die ihrem praktischen Handeln vorgeordnet ist und diesem
eine bestimmte Reichweite, Verbindlichkeit und Normierungskraft gibt.
Auch das wird an den kommerziellen Musikprozessen besonders deutlich,
weil hier aufgrund der unmittelbaren kulturellen Rückwirkungen
entsprechend umkämpft. So ist die Kategorie »Musiker«
ein heiß umstrittener Gegenstand der diskursiven Auseinandersetzung,
noch bevor überhaupt ein Ton erklingt. Aus der Applizierbarkeit
dieser Kategorie leitet sich in hohem Maße einerseits der Zugang
zu den ebenso knappen wie teuren Ressourcen von Studioproduktion und
Medienöffentlichkeit ab, andererseits bildet die unumstrittene
Zuerkennung des Musikerstatus eine der Voraussetzungen für die
Akzeptanz beim Publikum. Kein Wunder also, daß alle Beteiligten
- Musiker, Industrie wie Publikum - ein erhebliches Maß an Energie
dafür aufwenden, diese Kategorie schon auf der sprachlich-diskursiven
Ebene jeweils an bestimmte Inhalte zu binden, um so die Erfolgswahrscheinlichkeit
für die Durchsetzung der eigenen Produkte und Interessen zu erhöhen.
Was im Nachhinein dann wie der bloß deskriptive Nachvollzug von
Veränderungen auf der Ebene des praktischen Musizierens erscheint,
verdankt sich ein gut Stück weit der Normierungskraft solcher und
ähnlicher Kategorien. Die Frage also, ob Elvis Presley überhaupt
als »Musiker« zu bezeichnen sei und mit welcher Berechtigung
er folglich im Studio stand, beschäftigte seine Zeitgenossen in
den fünfziger Jahren ebenso intensiv,9
wie ein knappes Jahrzehnt später die jugendlichen Gitarrengruppen
aus dem Nordwesten Englands - allen voran die Beatles - die britische
Musikergewerkschaft auf den Plan riefen, die die Interessen ihrer Mitglieder
gegen die Flut von Amateuren mit dem Verweis darauf zu behaupten suchte,
daß der Begriff »Musiker« eine schutzwürdige Berufsbezeichnung
sei.10
Normalerweise freilich laufen solche diskursiven Auseinandersetzungen
subtiler ab, vollziehen sich im wesentlichen in der immensen Literaturflut,
die in Form von Nachrichten, Rezensionen und Musiker-Porträts in
Jugend-, Musik- und Szenezeitschriften, von populären Biographien
und Fanzines, neuerdings auch per Homepages und News Groups im Internet
den Musikprozeß umgeben - nicht zu vergessen die Anmoderationen
von Musiktiteln in den Medien, auf die durch eine nicht minder umfangreiche
Flut von Presse- und Info-Materialien seitens der Musiker wie der Industrie
mit passend bereitgehaltenen Formulierungen Einfluß zu nehmen
versucht wird. Die Aussichten auf kommerziellen Erfolg sind um so größer,
je besser es gelingt, einen bestimmten Typ von Musiker, ein bestimmtes
Konzept von Musik, einen bestimmten Referenzbezug des Musizierens abgelöst
vom Einzelstück und über es hinausgehend kulturell zu verankern.
Die Ebene, auf der das geschieht, sind die um die Musik und hinter ihr
organisierten Diskurse.
Ihre kaum zu überschätzende Wirksamkeit beruht vor allem
darauf, daß Kategorien wie eben diejenige des »Musikers«
in ganze Aussagesysteme eingebunden sind, auf zumeist abstrakten, vielfach
nur in Form allgemeiner Strukturvorstellungen faßbaren Grundannahmen
beruhen, die sie unausgesprochen mit sich führen und als Systemeffekte
praktisch wirksam werden lassen. So bezeichnet der Begriff »Musiker«
eben mitnichten nur die geschichtlich entstandene arbeitsteilige Besonderung
des Musizierens, sondern sie impliziert zugleich auf eine bestimmte
Weise als ihren strukturellen Gegenpol den Hörer. Die Art und Weise,
wie dieser Gegenpol impliziert ist, hat unmittelbare Folgen für
den Umgang mit dem Medium Klang, das dieses Verhältnis dann praktisch
vermittelt, denn aus ihm resultiert ein dann wieder in Begriffen verankertes
und auf Begriffe bezogenes Wertgefüge. Auch hier sind mittlerweile
alle denkbaren Möglichkeiten mobilisiert worden, um zum Zweck der
Investitionssicherung das Musizieren mittels narrativer Strategien schon
von vornherein in einen Referenzbezug zu stellen, in dem es beispielsweise
nach dem Vorbild des Geniekults des 19. Jahrhunderts als das sich organisch
entfaltende Äquivalent zur Biographie des Musikers erscheint. So
wird indirekt dann jede Neuveröffentlichung als eine zwingende
(also auch zwingend zu kaufenden) Folge der vorangegangenen definiert.
Daß in der Regel sowohl die erzählte »Biographie«
wie auch der suggerierte Zusammenhang zwischen »Werk« und
»Leben« bloße diskursive Konstrukte sind, für die
die Wirklichkeit allenfalls ein mehr oder weniger frei bearbeitetes
Material geliefert hat, ändert nichts daran, daß eine auf
diese Weise präsentierte Musik am Ende dann auch nach solchen Kriterien
gehört, bewertet und verstanden wird.11
Das Marketingkonzept von CBS Columbia in den sechziger und siebziger
Jahren für die Veröffentlichungen Bob Dylans in jener Zeit
ist ein charakteristisches Beispiel hierfür.12
Umgekehrt hat auch der Widerstand gegen Vereinnahmungsstrategien eine
diskursive Form erhalten. Wenn Musik als eine in Gesellschaft organisierte
Praxis des Umgangs mit Klang der Einbettung und Verankerung in Diskursen
bedarf, dann ist es nicht ohne Relevanz, wird, wie in der Techno-Kultur,
die hier hervorgebrachte Klangwelt in einen Diskurs hineingestellt,
der weder die Kategorie »Musiker« kennt, noch dessen strukturellen
Gegenpol, den »Hörer«, wo statt von »Songs«,
»Musiktiteln« oder »-stücken« vielmehr von
»Tracks« die Rede ist. Das ist mitnichten bloß ein modischer
Austausch von Begriffen und auch nicht nur eine Reaktion auf die kulturelle
Zentrierung um die Diskothek anstelle der Konzert- oder Stadionbühne,
die im Zentrum der Rockmusik stand. Vielmehr ist die Art und Weise,
wie dieser Sachverhalt benannt ist, zu einer der Voraussetzung dessen
geworden, was in diesem Kontext als Musik Akzeptanz findet. So steht
an der Stelle des Musikers hier der Begriff »DJ« (Discjockey),
und sein Treiben heißt nicht Musizieren, sondern »DJing«,
sein Publikum nicht »Hörer«, sondern »Raver«.
Daß die Kategorie des Musikers nicht, wie noch vor einem Jahrzehnt
mit der wachsenden Rolle des Produzenten, zu erweitern, zu verschieben
und an veränderte kulturelle Sachverhalte anzupassen versucht wurde,
sondern im Techno-Diskurs nun gar keine Rolle mehr spielt, besitzt ein
hohes Maß an Signifikanz. Als in den frühen achtziger Jahren
mit den Produzenten Trevor Horn, Adrian Sherwood, Mike Stock, Matt Aitken
und Pete Waterman Post-Production, also die nachträgliche elektronische
Bearbeitung des im Studio aufgenommenen Materials, einen Stellenwert
erhielt, der aus dem Musiker einen bloßen Klang- und Materiallieferanten
werden ließ, führte die damit problematisch gewordene Kategorie
des »Musikers« nicht etwa zu deren Aufgabe. Sie ließ
sich so ohne weiteres auch nicht auf den Produzenten, etwa als »Tonband-Musiker«,
verschieben, denn so wie zum Musiker der Hörer im Saal, gehört
zum Hörer der Musiker auf der Bühne. Produzenten aber stehen
nun einmal nicht auf der Bühne. Der dominante musikalische Diskurs
verlangte nach dem Musiker, zumal auf ihn als Star die gesamte Marketing-Maschinerie
abgestimmt war. Und obwohl es einen prinzipiellen Unterschied ja nicht
macht, ist das aus der Lautsprecheranlage in den Saal abgestrahlte Klangereignis
nicht mehr live von einem per Tastendruck am Keyboard gesteuerten Tongenerator
ausgelöst, wie in den Synthesizer dominierten Klangformen der Rockmusik
jener Jahre üblich, sondern zuvor im Studio aufgezeichnet, technisch
nachbearbeitet und dann per Tastendruck auf die Lautsprecheranlage gegeben,
reagierte das Publikum mit wütenden Protesten auf den Versuch,
die Position des Musikers dadurch zu retten, daß auf der Bühne
ein Gerätepark gesteuert wird, über dem im wesentlichen vorproduziertes
Material von der Konserve lief. Die jugendlichen Hörer fühlten
sich durch Tonbandgeräte statt Gitarren und Keyboards bedienende
Musiker betrogen, denn dieser Vorgang verlagerte den Ursprung des klanglichen
Ereignisses vom Musiker weg an einen anonymen Ort und auf einen namenlosen,
auf jeden Fall gesichtslosen Produzenten. Das aber machte es unmöglich
- und darauf kam es an -, das klangliche Ereignis als »Ausdruck«
eines musizierenden und sich im Musizieren entäußernden Subjekts
zu hören. Die Macht des Diskurses erwies sich am Ende als wesentlich
stärker als die Veränderung in der Praxis des Musizierens.
Bands wie Visage, ABC oder Frankie Goes To Hollywood sahen sich schließlich
gezwungen, zu den Tonbandeinspielungen an den stummgeschalteten Instrumenten
die Bewegungsabläufe im Halbplayback zu mimen, die eine Rezeption
ihrer Musik als unmittelbaren und authentischen Ausdruck ermöglichte,
was Holly Johnson, Leadsänger von Frankie Goes to Hollywood, zu
der treffenden Bemerkung veranlaßte: »Ich bin kein Künstler
mehr, ich bin zu einem Kunstwerk geworden.«13
Ist der Discjockey anstelle des Musikers in den Mittelpunkt musikalischer
Praxis gesetzt, dann ist damit ein neuer und ganz anders strukturierter
Diskurs organisiert, mit weitreichenden praktischen Folgen. »DJing«
ist nicht Musizieren, und zwar eben nicht nur auf der Ebene des beobachtbaren
Handelns. Beim dem, was im Begriff »Musizieren« gebündelt
wird, ist zwischen der Hervorbringung von Klang und dem Musiker ein
unlösbarer und zwingender Zusammenhang unterstellt, der eine Subjektivierung
und Personalisierung des klanglichen Ereignisses ermöglicht, die
es zum Träger eines kommunikativen Vorgangs und den Musiker zum
Autoren, als Interpret zum Mitautoren oder, wie in der Popmusik vielfach
üblich, zum Pseudoautoren macht.14
Das »DJing« dagegen, das Herstellen einer Musikmixtur
in der Diskothek, beruht mit den dafür herangezogenen Tonträgern
auf schon vorhandenen Klängen, deren Ursprung hierbei ohne jede
Relevanz ist. War es einmal »Musik« in der herkömmlichen
Art, dann wird sie in diesen Mixturen in ihre klanglichen Einzelbestandteile
zerlegt, werden passende Bruchstücke davon aneinandergefahren oder
durch Bewegen der Platten unter der Nadel (scratching) in rhythmische
Geräusche verwandelt. Kommen eigens hierfür hergestellt Techno-Produktionen
zum Einsatz, dann sind es nicht »gespielte«, sondern technisch
generierte Klänge, aus denen sie aufgebaut sind. Um eine personalisierte
Klangauffassung und ein personalisierendes Hören auf jeden Fall
auszuschließen, die Identität des kreativen Subjekts - wie
immer auch benannt - unter allen Umständen nicht zum referentiellen
Bezug für das klangliche Ereignis werden zu lassen, sind die DJs
in der Regel auch noch mit Phantasienamen anonymisiert, die manchmal
sogar nur projektbezogen benutzt werden oder für Kollektive von
DJs stehen. Das hat zwar auch die Techno-Kultur nicht davor bewahrt,
in Deutschland beispielsweise mit Marusha, Dr. Motte oder Westbam ihre
eigenen Stars hervorzubringen, doch die fungieren eben nicht mehr als
Fokus klangbezogener Sinnkonstrukte. Ohnehin ist das Techno-Phänomen
gründlich mißverstanden, wird ihm ein antikommerzieller Impetus
unterstellt. Die Anonymisierung hat zwar die etablierten, auf personalisierte
Imagebildungen abgestellten Marketingstrategien der Tonträgerindustrie
unmöglich gemacht und damit deren Zugriff erschwert, aber nicht,
um Vermarktung zu verhindern, sondern um sie in die eigenen Hände
zu nehmen.
Das vom Techno-DJ in seinen Mixturen eingesetzte Material besteht
inzwischen zum überwiegenden Teil aus auf Tonträgern vorliegenden,
eigens für diesen Zusammenhang produzierten DJ-Kreationen. Die
Instrumente, die dabei zum Einsatz kommen, sind mit Rhythm und Bassline
Composer sowie entsprechender Sequenzer-Software aus der Studioarbeit
seit langem bekannt. Doch was hier am Ende steht, ist nicht ein Song,
es ist ein »Track« - ursprünglich ein technischer Begriff,
mit dem in der Kinematographie die neben dem Bild belichtete Tonspur,
davon abgeleitet auch die auf Tonträger veröffentlichte Filmmusik
(Soundtrack-Album) und im Kontext der Musikproduktion das technische
Dasein eines Musikstücks (auf einem Tonträger befindet sich
eine bestimmte Anzahl von »Tracks«) bezeichnet ist. Dieser
Bezeichnungsmodus folgt nicht einfach nur der Tatsache, daß Techno
fast vollständig ohne Singstimme auskommt und also der Songform
nicht bedarf. Die Wahl dieses technischen Begriffs anstelle der möglichen
Alternativen hat vor allem mit dem Umstand zu tun, daß das Ergebnis
der Studioarbeit im Unterschied zu allen vorangegangenen Entwicklungsformen
der Popmusik nicht mehr das ästhetisch und kulturell relevante
Endprodukt ist. Im Studio wird mit den »Tracks« nur eine Art
von Instrumenten produziert. Mit ihnen stellt der DJ dann vermittels
eines ganzen Repertoires von Misch-Techniken in der Diskothek eine klangbezogene
Erfahrung her, die keinerlei dingliches Äquivalent in Form eines
aus diesem Zusammenhang herauslösbaren »Stücks«,
»Titels« oder »Produkts« mehr besitzt. Da es damit
durch Dritte weder ausgebeutet noch zerredet oder in der gehabten Art
umdefiniert werden kann, entzieht die Praxis des »DJing« Techno
tatsächlich nicht ohne Erfolg der Usurpation durch den etablierten
Popmusikdiskurs.
Damit verändert sich zwangsläufig aber auch der Referenzbezug
um die produzierten Klänge, die im Begriff »Track« eben
nicht auf einen durch Hervorbringung oder Selektion von Klang intendierten
Sinnzusammenhang bezogen sind. Für den Techno-Track ist nicht der
Sinnbezug und damit ein narratives Strukturkonzept formprägend,
sondern vielmehr sein »Design«, eine analog den industriell
gefertigten Gegenständen auf den technischen Vorgang der Hervorbringung
bezogene Gestaltgebung. Die adäquate Begrifflichkeit hierfür
ist mithin ebenfalls nicht, wie etwa Thema und Motiv, von einem linear
vorgestellten Entwicklungsprinzip abgeleitet, sondern sie ist der technischen
Formgebung entlehnt, was ausschließt, sie auf einen subjektiv-intentionalen
Kontext zu beziehen. Segment und Loop, Plateau und Konsistenz, Level
und Knoten, Strom und Einschnitt sind die klanglich-strukturellen Formbegriffe
der Technowelt.15
Mit anderen Worten: Techno wird nicht nur anders hervorgebracht als
herkömmliche Formen von Popmusik, diese Musik trifft auf anders
organisierte Wahrnehmungsstrategien, für die der Ursprung des klanglichen
Ereignisses, ob von Sequenzern generiert, vorgefertigten MIDI-Datenbanken
und Sound-Libraries entnommen, von den Softwareproduzenten den Composern
einprogrammiert oder in herkömmlicher Art von einem Musiker eingespielt,
letztlich gleichgültig ist und von seinen sinnlichen Wahrnehmungsqualitäten
strikt getrennt bleibt. Es gibt hier keinen referentiellen Bezug zwischen
dem klanglichen Ereignis und seinem Ursprung (Intention des Komponisten,
Ausdruck des Musikers etc.). Eben deshalb ist das mit den Begriffen
»Discjockey-Raver« beschriebene Verhältnis auch nicht
einfach nur das Äquivalent zum Verhältnis »Musiker-Hörer«
in den herkömmlichen Musik-Diskursen. In die Begriffe »Musiker«
und »Hörer« ist ein Verhältnis eingeschrieben, das
entlang einer linearen Achse um einander spiegelbildlich entgegengesetzte
Pole organisiert ist. Produktion-Rezeption, Sender-Empfänger, Kodierung-Dekodierung
sind nicht von ungefähr zu begrifflichen Äquivalenten geworden,
mit denen dieses Verhältnis zu beschreiben versucht wurde, ohne
auf die Implikationen dessen (wozu auch die übliche Setzung der
jeweils männlichen Form von »Musiker« und »Hörer«
gehört) an dieser Stelle näher eingehen zu können. Die
Begriffe »DJ« und »Raver« dagegen implizieren eine
radiale Organisation ihres Verhältnisses zueinander und schließen
prinzipiell aus, daß dies bipolar gefaßt und auf das Modell
intersubjektiver Kommunikation beziehbar ist. Raver kann man im Unterschied
zum Hörer nie alleine sein, der Begriff bereits impliziert eine
kollektive Veranstaltung (»Rave« ist im britischen Umgangsenglisch
ein Synonym für »Party«). Der Discjockey bildet das Zentrum
einer Menge, und was immer zwischen ihm und dieser Menge an Musik auch
stattfinden mag, weder ist hier der idealtypisch gesetzte einzelne,
das hörende Subjekt in seiner individuellen Subjektivität,
der vorgestellte Adressat noch »drückt« sich der DJ in
seinem Mix »aus«.
Nun gibt es »den« Raver freilich ebensowenig wie es »den«
Hörer gibt, aber beide Begriffe beziehen die Vielfalt möglicher
Verhaltensweisen Musik gegenüber auf jeweils bestimmte, praktisch
für angemessen gehaltene und insofern normativ gesetzte Verhaltensmuster.
Eingeschlossen darin ist die Zuweisung einer bestimmten, wenn auch nicht
zwangsläufigen, so doch keinesfalls beliebigen Position im Musikprozeß.
Gerade weil sie nicht zwangsläufig ist, bedarf es ihrer diskursiven
Konstruktion. So ist der Hörer als ein solcher auf die Position
des aufnehmenden Subjekts gesetzt. Der Position der Kategorie »Hörer«
im Diskurs, wo sie den kategorialen Gegenpol zum »Musiker«
bildet, entspricht die Position des Hörers in der Praxis des Musizierens,
denn dort sitzt er dem Musiker nicht von ungefähr gegenüber.
Diese Position impliziert, alles was von diesem Gegenüber ausgeht
einer deutenden Wahrnehmungsstrategie zu unterwerfen und den Deutungserfolg
im Rahmen eines kulturell vorgeschalteten Systems von Bedeutungen auf
eine bestimmte, nämlich ästhetische Weise zu bewerten. Auch
der Raver ist auf eine bestimmte Weise, die der Position dieser Kategorie
in dem hier dominanten Diskurs, dem Techno-Diskurs, entspricht, gegenüber
dem Discjockey positioniert. Auch diese Position impliziert einen bestimmten
Bezug auf das, was hier vom Gegenüber ausgeht. Nur ist die dafür
adäquate Wahrnehmungsstrategie nicht deutenden Charakters und an
ein vorgeschaltetes System von Bedeutungen angeschlossen - bei technisch
generierten Klangfolgen, die bewußt und mit nicht gerade geringem
kulturellen Aufwand auf die Demontage der Funktion des »Autors«
zielen, auch kaum sinnvoll. Hier ist sie vielmehr auf das Arrangement
der Menge und den sich darin bewegenden Körper des Ravers bezogen,
der sich selbst an den aus den Lautsprecherboxen quellenden Klangstrom
förmlich »andockt«. Damit eröffnet sich ein bislang
analytisch noch vollkommen unbearbeitetes Feld - die symbolische Konstruktion
des Körpers (als kulturelles Artefakt im Unterschied zum organischem
Leib) im Medium von Klang.
Der hier skizzierte Umbau des musikalischen Diskurses in der Techno-Kultur
scheint damit zu bestätigen, was Kritiker der Popmusik schließlich
schon immer zu wissen meinten -, daß nämlich diese Formen
von Musikpraxis durch Sinndefizite, wenn nicht völligen Sinnverlust
gekennzeichnet seien. Zwar folgt aus der konsequenten Umrichtung von
Klang auf den Körper als Referenzbezug, auf körperliche Bewegung,
Körpererfahrung und die symbolische Vermittlung dessen in Klang
mitnichten, daß das tragende (sub-)kulturelle System deshalb »Sinn«-»los«
sei. Doch ist nicht zu bestreiten, daß Klang damit jedenfalls
als unmittelbarer Träger komplexerer Bedeutungen ausfällt.
Das mag man beklagen, wobei es für ein nicht eben unerhebliches
Maß an Weltfremdheit spräche, wird übersehen, daß
die Mechanismen der sozialen Kontrolle seit langem schon nicht mehr
über die Produktion von Sinn, sondern im direkten und unmittelbaren
Zugriff auf den Körper laufen. Mit Milliardenaufwand zielen die
kulturellen Kommunikationssysteme mittels Werbung auf das Körperbewußtsein
und Körpergefühl des einzelnen, der zwar denken darf, was
er will, aber wünschen muß, was er soll. Musik ist davon
nicht nur nicht ausgenommen, sie steht ihrer Natur nach mitten in diesem
Prozeß, ist ein bevorzugtes Terrain der sozialen und kulturellen
Auseinandersetzung um den Körper und der sozialen Kontrolle über
das Körperbewußtsein geworden. Was Techno dabei von vorangegangenen
Formen der Popmusik unterscheidet, ist die völlige Illusionslosigkeit,
mit der diese Auseinandersetzung hier angenommen ist und auf der Ebene
der kulturellen Körperinszenierung auszutragen versucht wird. So,
wie die Rebellen der Rock-Revolution, die mit weitgespannten Gesellschaftsutopien
noch das Feld der Sinnproduktion zu besetzen suchten (»I can't
get no satisfaction...«), als gealterte Dauerjugendliche auf ihren
Schlössern in Südfrankreich die völlige Folgenlosigkeit
dessen medienträchtig vorleben, macht sich die Generation ihrer
Kinder einen Spaß daraus, wochenlang das Feuilleton mit so überaus
sinnträchtigen Sentenzen wie »Let the sun shine in your heart«
zu beschäftigen. Wer das für zynisch hält, möge
sich fragen, was sein Anteil an diesem Zustand ist.
Damit bleibt festzuhalten: Techno findet als Musikform eine seiner
konstitutiven Bedingungen - gewiß nicht die einzige, aber eine
sehr wesentliche - in einem Diskurs, der die Ordnung der Klänge
umdefiniert von einem System der Repräsentation (von Bedeutungen)
in ein System der Partizipation (des körperlichen Mitvollzugs).
In die Begrifflichkeit des Diskurses hat sich eine Praxis eingeschrieben,
die ihrerseits in dieser Begrifflichkeit verankert und insofern durch
sie konstituiert ist, als damit zugleich ein referentielles Bezugsystem,
Differenzkriterien sowie Aneignungs- und Wahrnehmungsstrategien gesetzt
sind, die Klang durch Bezug auf eine außerhalb seiner selbst liegenden
Referenzebene als Musik, also als ein nach bestimmten Prinzipien geordnetes
Ganzes, wahrnehmbar machen. Um klingende Sachverhalte als musikalische
wahrnehmen oder hervorbringen zu können, bedarf es in jedem Fall
der Konstruktion eines referentiellen Bezugssystem, das das akustische
Ereignis als Bestandteil einer bestimmten Ordnung, als Träger eines
Zusammenhangs, Ausdruck von Kontinuität oder Diskontinuität
und damit als Moment einer geordneten Ganzheit in Erscheinung treten
läßt. Das Hörbare und das Sagbare sind zwar nicht aufeinander
zu reduzieren, unterhalten aber überaus komplexe Beziehungen untereinander.
Das mag in den kommerziell produzierten Musikformen sehr vordergründig
sein, weil zu einem eigenständigen Feld der Auseinandersetzung
geworden, ist jedoch ein weit darüber hinaus gehendes Thema, das
es analytisch erst noch aufzuschließen gilt. Musikpraxis findet
immer auf dem Hintergrund von Diskursen statt, die als kollektiv produzierte
Aussagesysteme mit Prozeduren der Exklusion und Inklusion, der Abgrenzung
und Eingrenzung, der Differenz und des Zusammenhangs der sinnlich erfahrbaren
Wirklichkeit von Klang eine Ordnung aufprägen, ohne die das Musizieren
nicht möglich ist. Das beginnt bei so elementaren Aspekten wie
der konzeptuellen Vorstellung des Tons und der Konstruktion von Skalen
und reicht bis zu so komplexen Vorgängen wie dem referentiellen
Bezug zwischen Klang und dem kulturellen Kontext seiner Hervorbringung.
Im Unterschied zu explizit formulierten Theorien über Musik und
das Musizieren, die eine der Erscheinungsformen musikbezogener Diskurse
sein können, regulieren diese zumeist auf dem Wege der Implikation,
der Normalisierung und Normierung die Prinzipien, die sowohl der Praxis
des Musizierens, der Erfahrung von Musik wie der beides verbindenden
Begriffswelt zugrunde liegen und steuern damit ein hochkomplexes Wechselverhältnis.
Ob die Ordnung der Klänge auf der Grundlage von Organisationsprinzipien
wie Kontrastierung, Transformation, Intensivierung, Modifizierung, Polarisierung
und Konnexion oder wie im Falle von Techno auf der Grundlage von Transduktion,
Adjunktion, Disjunktion, Segmentierung und Serialisierung beruht, regeln
Diskurse sowohl auf der Ebene des Machens, der Ebene des Erfahrens und
Bewertens wie der Ebene des Sagens und Begreifens, Kategorisierens und
Systematisierens. Daß diese Ebenen im Diskurs auf einen Hintergrund
bezogen sind, der eine implizite Verbindung zwischen ihnen herstellt
und ihre Verschiebung gegeneinander stets auf allen Ebenen gleichermaßen
wirksam werden läßt, gibt ihm seine untergründige Wirkungsmacht.
Ohne Rekonstruktion des diskursiven Regimes, das eine Praxis zur Selbstregulierung
hervorbringt, bleibt ihre Reflexion stets an einer entscheidenden Stelle
blind, an der Stelle nämlich, wo es um die Macht zur Definition,
zur Normalisierung und Normierung geht. Das gilt für Musik ebenso
wie für jede andere Form menschlicher Praxis in Gesellschaft. An
dieser Stelle freilich hat Musikwissenschaft, selbst auch nichts anderes
als eine bestimmte Form von gesellschaftlicher Praxis, dann doch - eine
ganze Menge sogar - mit der Love Parade zu tun.
1. Für den Fall, daß es
trotz der gewaltigen Medienresonanz tatsächlich einem Zeitgenossen
gelungen sein sollte, das seit 1989 alljährlich an einem Juliwochenende
in Berlin veranstaltete Musikspektakel nicht wahrzunehmen: Die Love
Parade ist eine von dem Discjockey Dr. Motte (alias Matthias Roeingh)
ins Leben gerufene umzugsartige Massenparty der jugendlichen Anhänger
der Techno-Musik, auch Raver genannt, im Zentrum Berlins. Die jüngste
dieser Veranstaltungen am 12. Juli 1997 versammelte unter dem Motte
»Let the sun shine in your heart« rund eineinhalb Millionen
Jugendliche.
2. vgl. hierzu auch die überaus
aufschlußreichen Gedanken von Christopher Small, Whose Music Do
We Teach, Anyway?, bislang allerdings nur online zugänglich unter
http://www.musekids.org/whose.html oder http://www2.rz.hu-berlin.de/inside/fpm/indexonb.htm
3. Kerman: Musikwissenschaftler »kommen
aus den Mittelschichten... Es sind die Werte der Mittelschichten, die
sie propagieren und zu verteidigen suchen« - J. Kerman, Contemplating
Music. Challenges to Musicology, (Harvard University Press) Cambridge,
MA 1985, 11.
4. ausführlicher und grundsätzlicher
hierzu vgl. J. Shepherd/P. Wicke, Music and Cultural Theory, (Polity)
Cambridge 1997
5. vgl. hierzu insbes. M. Foucault,
Archäologie des Wissens, (Suhrkamp) Frankfurt/Main 1973 sowie ders.,
Die Ordnung des Diskurses, (Fischer) Frankfurt/Main 1991; ausführlicher
zu dem sich daraus ergebenden methodologischen Ansatz vgl. insbes. T.
A. van Dijk (Hrsg.), Discourse Studies. A Multidisciplinary Introduction,
2 Bde, (Sage) London 1997
6. Auf diesem Aspekt hat vor allem
Steven Feld in seiner bahnbrechenden Arbeit über Sound and Sentiment.
Birds, Weeping. Poetics and Song on Kaluli Expression, (Univeresity
of Pennsylvania) Philadelphia 21990, hingewiesen; vgl. auch John Blacking,
How Musical Is Man?, (University of Washington) Seattle 1973 u. Charles
Keil, Tiv Song. The Sociology of Art in a Classless Society, (University
Of Chicago) Chicago, London 1979
7. zu diesen Begriffen im einzelnen
vgl. die entsprechende Einträge in P. Wicke/K. u. W. Ziegenrücker,
Pop-Rock-Jazz-Folk-Weltmusik. Handbuch der populären Musik, (Schott)
Mainz 1997
8. Häufig finden sich solche Begriffe
dann am Ende über völlig unvereinbare Formen von Musikpraxis
gezogen. Das Etikett Rock'n'Roll beispielsweise bündelte nicht
nur Produktionen von Elvis Presley, Jerry Lee Lewis, Chuck Berry und
Bo Diddley - an sich schon keineswegs nur durch graduelle Unterschiede
des Musizierens geprägt. Der Begriff stand auch für die geradezu
im Gegensatz dazu stehende musikalische Welt der aus der Gospeltradition
hervorgegangenen Vocal Groups (Drifters, Coasters, Dominoes etc.).
9. vgl. z. B. Ch. Hamm, Yesterdays:
Popular Song in America, (Norton) New York 1979, S. 391ff
10. vgl. S. Frith, The Sociology of
Rock, (Constable) London 1978, S. 159ff
11. zu den ästhetischen Implikationen
vgl. P. Wicke, Rockmusik: Culture - Aesthetik - Sociology, (Cambridge
University Press) Cambridge, New York, Sydney 1990
12. detaillierter hierzu vgl. beispielsweise
R. Shelton, No Direction Home. The Life and Music of Bob Dylan, (Penguin)
Harmondsworth 1986; vgl. hierzu auch das Interview mit dem damals verantwortlichen
A&R-Direktor der Columbia, John Hammond, in P. Wicke, Bigger Than
Life. Rock & Pop in den USA, (Reclam) Leipzig 1991, 32ff
13. zit. n. New Musical Express, 30.
März 1985, S. 15
14. Sänger und Musiker spielen
auf der Bühne die Rolle des im Musizieren spontan und unmittelbar
auf das Publikum reagierenden, sich ausdrückenden Subjekts, obwohl
in Wirklichkeit eine durchchoreographierte Show mit Material abläuft,
das von professionellen Songschreibern angekauft wurde. Popmusik verbindet
sich deshalb in der Regel mit den Namen von Interpreten, während
die Autoren in der Öffentlichkeit vielfach nahezu unbekannt sind.
15. Flyers, Szenezeitschriften und
die im Internet massenhaft zu findenden Techno-Pages (zum Einstieg vgl.
etwa http://www.techno.de) liefern ein unerschöpfliches Belegmaterial
hierfür. Wer die traditionellen Medien bevorzugt: Ph. Anz/P. Walter,
techno, (Ricco Bilger) Zürich 1995 und Die Gestalten/Chromapark
(Hrsg.), Localizer 1.0: The Techno House Book, (Die-Gestalten-Verlag)
Berlin 1995, sind brauchbare Versuche, die Techno-Szene in gedruckter
Form zu dokumentieren.

Los artículos publicados en TRANS están (si no se indica lo contrario) bajo una licencia Reconocimiento-NoComercial-SinObraDerivada 2.5 España de Creative Commons. Puede copiarlos, distribuirlos y comunicarlos públicamente siempre que cite su autor y mencione en un lugar visible que ha sido tomado de TRANS agregando la dirección URL y/o un enlace a este sitio: http://www.sibetrans.com/trans/index.htm No utilice los contenidos de esta revista para fines comerciales y no haga con ellos obra derivada. La licencia completa se puede consultar en http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.5/es/deed.es
All the materials in TRANS-Transcultural Music Review are published under a Creative Commons licence (Attribution-NonCommercial-NoDerivs 2.5) You can copy, distribute, and transmit the work, provided that you mention the author and the source of the material, either by adding the URL address of the article and/or a link to the webpage http://www.sibetrans.com/trans/index.htm. It is not allowed to use the contents of this journal for comercial purposes and you may not alter, transform, or build upon this work. You can check the complete licence agreement in the following link : http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.5/es/deed.en
|